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Mi, 14.06.2017, 22:28 Uhr

Nachlese: Tag des Nationalen Naturerbes im Portal Gut Leidenhausen

Am Freitag dem 09.06.2017 war dies der Auftakt zu einer Reihe von über das ganze Wochenende verteilter Veranstaltungen in ganz Deutschland.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hatte einen Kreis von Akteuren vor Ort eingeladen, aber auch solche, die sich für die Themen vor Ort interessieren und z.T. von weiter her, z.B. Leipzig, angereist kamen.

Nationales Naturerbe – was ist das?

Das Nationale Naturerbe steht für die beispielhafte Initiative des Bundes, bundeseigene wertvolle Naturschutzflächen nicht zu privatisieren, sondern unentgeltlich an Länder, Naturschutzorganisationen oder Stiftungen zur dauerhaften naturschutzfachlichen Sicherung zu übertragen. Einen großen Teil, so auch den nördlichen Teil der Wahner Heide, an die DBU (Deutsche Bundesstiftung Umwelt), deren Generalsekretär, Dr. Heinrich Bottermann, die Begrüßungsrede hielt. Weil wegen anderer Termine verhindert (World Oceans Day in New York), war Bundesministerin Frau Dr. Hendricks als Gastgeberin nicht selbst vor Ort, von ihr wurde eine Videobotschaft eingespielt.

In ihrem Vortrag über „Panzer, Heiden und Wälder – das nationale Naturerbe“ erläuterte Frau Prof. Dr. Beate Jessel als Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz nochmal, welchen Wert und Umfang die Naturerbe-Flächen haben. Zum guten Teil sind dies ehemalige Militärische Übungsflächen (wie auch die Wahner Heide), v.a. im Osten, aber auch das Grüne Band entlang der ehemaligen Innerdeutschen Grenze. Mit derzeit insgesamt 156.000 Hektar reicht die Flächengröße fast an diejenige der deutschen Nationalsparks heran, ist also nicht unerheblich.

Leif Miller, 1. Vizepräsident des Deutschen Naturschutzringes, beleuchtete das Thema von der praktisch-organisatorischen Seite unter dem Titel „Engagement der Naturschutzverbände zur Sicherung des Nationalen Naturerbes“. Aus seiner Sicht hat sich die Zusammenarbeit von Verbänden, Institutionen und Ministerien in den letzten Jahren gut entwickelt, die Einbindung lokaler engagierter Gruppen und Vereine könne aber noch intensiviert werden. Was Herr Bottermann als Fingerzeig verstand und darauf hinwies, dass dies bei DBU-Projekten, auch in der Wahner Heide, bereits geschehe.

Prof. Dr. Manfred Niekisch, Direktor des Zoologischen Gartens Frankfurt und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, ging in seinem Beitrag „Unsere Naturschätze – schätzen und schützen!“ auf die evolutionäre Entwicklung von Mensch und Natur v.a. der letzten 12.000 Jahre ein. Schon etwas philosophisch-romantisch nach dem Tenor: woher kommen wir, welche Naturerlebnisse wünschen wir uns, was müssen wir tun, um diese oder auch das Bewusstsein dafür nicht zu verlieren? Man erfuhr aber auch, dass der Borkenkäfer gar kein so schlimmer Schädling ist wie man allgemein glaubt bzw. gesagt bekommen hat, erklärt am Beispiel Bayerischer Wald: dort sei zwar der Fichtenbestand in den 80er Jahren durch diesen Käfer auf einigen Flächen fast komplett vernichtet worden, was aber die Chance für eine Naturverjüngung bot und die Entwicklung einer natürlichen und vielfältigen Naturlandschaft. Der menschliche Aspekt dabei: für eine breite Akzeptanz braucht man etwas Geduld und die Bereitschaft für einen Perspektivwechsel, angesichts der toten Bäume, um  im Verschwinden des Gewohnten (Fichtenwald) auch das Positive (Offenland / Naturverjüngung) zu sehen. Und einen Förster, welcher all dies voraus geahnt hat und sich nicht dem Druck seiner übergeordneten Dienststelle gebeugt hat, den Borkenkäfer „effektiv“ zu bekämpfen.

Last but not least stellte Forstdirektor Jürgen Rost, Leiter des Bundesforstbetriebes Rhein-Weser, nochmal die Wahner Heide vor und die aktuellen Maßnahmen zur Naturentwicklung, mit besonderem Fokus auf forstbetriebliche Gesichtspunkte. Mit direkter Überleitung zu der Busverteilung zu den drei Fachexkursionen in die Wahner Heide, mit den Themen „Auf dem Weg zum Wilden Wald“, „Offenlandpflege und Besucherlenkung“ und „Vom Preußischen Schießplatz zum Nationalen Naturerbe“.

Erstere beiden wurden von der Alten Kölner Straße aus an zwei verschiedenen Eingängen Höhe Geisterbusch abgesetzt, die dritte Gruppe „Schießplatz“ im südlichen Troisdorfer Bereich. Und prompt 15 Minuten nach Ausstieg aus dem Bus setzte auch ein Platzregen ein, was aber keinen der TeilnehmerInnen (sichtbar) beeindruckte, erst recht nicht die wettererprobten Forstleute.

Die Gruppe „Wilder Wald“ startete an einem Weg, welcher gleichzeitig Trennlinie ist zwischen einer historisch sowohl militärisch als auch weidewirtschaftlich genutzten Fläche, dem Geisterbusch, und einer sich seit Kriegsende selbst überlassen Waldfläche. Der Unterschied ist offensichtlich: links offene Heidefläche, rechts Laubwald mit vielfältiger und dichter Strauchschicht. Warum das so ist, und warum das so bleiben soll, Heidelandschaft auf der einen und wilder Wald auf der anderen Seite, erklärten Forstdirektor Jürgen Rost und Forstoberrat Christian Lücke vom Bundesforstbetrieb Rhein-Weser.

Ein paar Schritte weiter, nach einer Wegkreuzung, ein weiterer Scheideweg, der November, eine alte Panzertrasse, welche einen sich selbst überlassenen Erlenbruchwald von einem teils bewirtschafteten Wald trennt. Am nächsten Wegepunkt fiel der Blick dann in einen Fichtenbestand, der bereits stark aufgelichtet ist. Das Stichwort „Fichte“ verursachte einen Erklärungsbedarf, zumal in Zusammenhang mit den Stichwörtern „Naturschutzgebiet“ und „Wilder Wald“. Dr. Christoph Abs (DBU) übernahm die Erklärung dafür, warum es die Fichte (und Kiefer) als standortfremden Wirtschaftsbaum in der Wahner Heide immer noch gibt und auf welchen Flächen (mit unterschiedlichen Entwicklungsstadien) in welchen Phasen eine Entnahme geplant ist. Kurz gefasst: die Fichte soll nach und nach verschwinden, aber nicht vollständig. Denn sobald den standortgerechten Buchen und Eichen genug Raum gelassen würde, würden die den Rest erledigen. Und auch wenn sich der eine oder andere Nadelbaum hier und da behaupten würde, dann wäre das auch zu verkraften, im Sinne der Artenvielfalt sowieso. Nicht unerwähnt blieb der Wirtschaftsfaktor, denn für jeden entnommen Baumstamm gibt es schließlich Geld, nur finden Entnahme und Neupflanzung, wenn überhaupt, in einem Naturschutzgebiet nach anderen Kriterien statt als in einem Privatwald.

Nächster Wegepunkt, Stichwort Naturverjüngung des Waldes, zog das Thema „Wildmanagement“ nach sich, konkret, den Rothirsch in der Wahner Heide. Wie Jürgen Rost erklärte, verhindere der hohe Rothirschbestand stellenweise massiv das Aufkommen einer neuen Generation von Laubbäumen, wolle man dies aber, müsse man den Hirsch durch Jagd kurz halten.

Zum Abschluss gab es vom Busenberg aus einen Blick in die Heide des Geisterbusches, eine uralte Kulturlandschaft, die nicht viel mit Wald zu tun hat, der aber auch ein Förster wie Jürgen Rost viel Sympathie abgewinnen kann. Kurz vor Erreichen des Busparkplatzes traf man dann noch auf die Gruppe „Offenland“ unter Leitung von Florian Zieseniß (Bundesforstbetrieb Rhein-Weser). Die Gruppe „Schießplatz“ (Forstdirektor Achim Urmes, Bundesforstbetrieb Rhein-Weser) traf etwas verspätet wieder in Gut Leidenhausen ein, wegen eines Motorschadens, war ansonsten aber unbeschadet und es bekam auch jeder noch etwas ab vom Buffet und vom Wildschwein am Spieß. Jedenfalls eine gute Gelegenheit für all diejenigen, die irgendwie über Wahner Heide, Wald und Natur miteinander zu tun haben, sich aber doch nicht so oft oder gar nicht sehen, sich formlos auszutauschen, zwischen Kartoffelgratin und Kaffee. Insofern, schon deshalb ein gelungener Auftakt.

  • Zurück am Busparkplatz
  • Die Gruppe
  • Blick vom Busenberg in den Geisterbusch
  • Der Regen hält an
  • Dr. Christoph Abs erläutert, was mit den Fichten-Beständen geplant ist
  • Der Regen setzt ein
  • Ein seit 70 Jahren sich selbst überlassener Wald
  • Links: Dr. Christoph Abs (DBU), Jürgen Rost (Forstdirektor)
  • Auf einem Scheideweg, links der Übergang in die offene Heidelandschaft, rechts ein sich selbst überlassener Wald
  • Startpunkt der Fachexkursion
  • Forstdirektor Jürgen Rost, Leiter des Bundesforstbetriebes Rhein-Weser
  • Prof. Dr. Manfred Niekisch, Direktor des Zoologischen Gartens Frankfurt und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen
  • Leif Miller, 1. Vizepräsident des Deutschen Naturschutzringes
  • Frau Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz
  • Moderiert von Dr. Heinrich Bottermann, DBU, Video-Botschaft von Bundesministerin Frau Dr. Hendricks
  • Vorträge in der Tenne
  • TeilnehmerInnen
  • TeilnehmerInnen
  • Wildschwein (in der Mitte) vom Grill
  • Tag des Naturerbes in Gut Leidenhausen